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Video-Gemetzel im Kinderzimmer

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Nicht oft ist es der Fall, dass unserem Hobby in den Massenmedien Beachtung geschenkt wird. So zappt man gerne mal bei ZDF rein, wenn das renommierte Magazin Frontal21 über das „Video-Gemetzel im Kinderzimmer“ (Beitrag als Videostream ansehen) berichtet. Denn bei einem sind wir uns alle einig: Video-Gemetzel hat im Kinderzimmer ebenso nix verloren, wie miserabel recherchierte Berichte in einem renommieren TV-Magazin eines öffentlich-rechtlichen Senders.

Rainer Fromm - Frontal21: «"Doom 3" ist eines der brutalsten Computerspiele. Es gibt nur ein Ziel: Töte Deine Gegner! Das Horrorspiel ist nicht indiziert und gilt als nicht jugendgefährdend, und das mit staatlichem Stempel.» Ein Blick in das Register der USK zeigt: Doom 3 wurde mit „keine Jugendfreigabe“ eingestuft. Nach geltendem deutschem Recht ist der Verkauf eines solchen Titels an unter-18-jährige strafbar:

Jugendschutzgesetz: «Bildträger, die nicht oder mit „Keine Jugendfreigabe” nach § 14 Abs. 2 von der obersten Landesbehörde oder einer Organisation der freiwilligen Selbstkontrolle im Rahmen des Verfahrens nach § 14 Abs. 6 oder nach § 14 Abs. 7 vom Anbieter gekennzeichnet sind, dürfen
  1. einem Kind oder einer jugendlichen Person nicht angeboten, überlassen oder sonst zugänglich gemacht werden,
  2. nicht im Einzelhandel außerhalb von Geschäftsräumen, in Kiosken oder anderen Verkaufsstellen, die Kunden nicht zu betreten pflegen, oder im Versandhandel angeboten oder überlassen werden.»
Eine Einschränkung, welche der Staat zweifelsfrei deshalb erlassen hat, weil er Titel wie Doom 3 nicht als Gefahr für unsere Jugend einschätzt!? Oder nur eine Aussage eines Redakteurs, der sich nicht mit den entsprechenden Gesetzen befasst hat?! Gut, indiziert ist der Titel damit noch lange nicht – der Staat schaut also doch Tatenlos zu! An dieser Stelle will ich gerne mit etwas Recherche aushelfen, um was es sich bei einer „Indizierung“ handelt:
 
Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften: «Die Indizierung hat nicht das generelle Verbot eines Mediums zur Folge. Sie will lediglich verhindern, dass Kinder und Jugendliche mit jugendgefährdenden Medien in Berührung kommen. Deshalb sind die Vorschriften des § 15 JuSchG nicht als absolute Verbreitungsverbote konzipiert, sondern es handelt sich um Beschränkungen der Verbreitung an Jugendliche. Während Jugendlichen also der Zugang verwehrt ist, haben Erwachsene weiterhin die Möglichkeit, indizierte Medien zu beziehen.»
 
Wieso sollte also eine Indizierung von Nöten sein, wenn der Staat via Jugendschutzgesetz und Einstufung durch die USK bereits den Verkauf und die Weitergabe an Minderjährige per Gesetz untersagt hat? Dies erkannte auch der Gesetzgeber: Spiele, welche von der USK eine Einstufung erhalten haben (dazu gehört auch „Keine Jugendfreigabe“) können infolge nicht mehr Indiziert werden – der Steuerzahler wird es durch die verminderten Kosten von weniger Bürokratie danken!
 
Frontal21: «Im Amt herrscht Selbstzufriedenheit. Jürgen Hilse, Vertreter der Länder im USK sagt: "Man kann über einzelne Sachen immer diskutieren, man kann immer unterschiedlicher Auffassung sein. Aber ich denke, dass sich die Freiwillige Selbstkontrolle in diesem Bereich absolut bewährt hat."
Sie soll sich bewährt haben? Ein Hohn bei Spielen wie "Hit Man Contracts": Sinnloses Morden im Sanatorium ist hier Spielinhalt. Eine Vorgängerversion hat die damals zuständige Bundesprüfstelle noch indiziert, das heißt, es konnte nicht offen gekauft werden, das Spiel gab es nur unter der Ladentheke.
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Tja, da sind wir leider wieder beim Punkt Recherche angelangt. Seit per 1. April 2003 das neue Jugendschutzgesetz in Kraft getreten ist, dürfen Titel wie Hitman (USK: „Keine Jugendfreigabe“) nur noch an Erwachsene verkauft werden. Die Indizierung wurde damit sinnlos, die Jugendlichen haben keinen Zugang mehr – in der Theorie: Prompt schickt Frontal21 einen 14-jährigen Jugendlichen als Lockvogel ins Kaufhaus. Minuten später bezahlt der Jugendliche an der Kasse sein Doom 3 (USK: „Keine Jugendfreigabe“) – kein Problem für das Verkaufspersonal. Wir erinnern uns: «Bildträger, die nicht oder mit „Keine Jugendfreigabe“ gekennzeichnet sind, dürfen einem Kind oder einer jugendlichen Person nicht angeboten, überlassen oder sonst zugänglich gemacht werden». Ohne Zweifel wird die Frontal21 Redaktion gleich beim Verkaufspersonal nachhacken, wieso es trotz eindeutigen Vorschriften zum Verkauf kommen konnte? Nein, sie wenden sich lieber vorwurfsvoll an die USK Stelle:
 
Rainer Fromm: «Aber die Spiele werden in genau den Zeitschriften beworben, die primär von Jugendlichen gelesen werden. Die Spiele liegen in den Geschäften aus. Und man kann nicht den Verkäuferrinnen zumuten, dass sie die Arbeit leisten, die eigentlich der Jugendschutz leisten müsste.»

Da will ich doch gerne mal übersetzen: „Kann man den Verkäuferrinnen zumuten, dass sie sich an die Vorschriften halten, welche ihnen vom Staat auferlegt werden?“ Oder: Kann man von einem TV-Magazin erwarten, dass es wenigstens rudimentäre Recherche betreibt und nicht nach Lust und Laune die Fakten verdreht? In der heutigen Zeit scheinbar nicht mehr… Aber zum Glück sieht es nur bei den Medien so düster aus – die verantwortlichen Politiker werden sich doch sicher differenzierter äußern!?

 
 Autor:
Thomas Theiler
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